Steine der Erinnerung: Recherche und Verlegung

Von Robert Patocka

Stolpersteine bzw. Steine der der Erinnerung sind eine besonders schöne Form des Gedenkens an Opfer des Nationalsozialismus. Immer wieder entstehen Initiativen, die auf Bezirks- oder Stadtebene ermordeten Menschen in dieser Form gedenken wollen. Der folgende Text zeigt, wie man den Lebenshintergrund von NS-Opfern erhellen kann – als Handlungsanleitung und auch aus Hintergrundinformation zu unserer Tätigkeit bei den Steinen der Erinnerung in Liesing.

Gehen wir davon aus, dass man die Anzahl der Opfer in einem Bezirk oder Stadt nicht kennt, so ist die erste Anlaufstelle die Datenbank des DÖW (www.doew.at). Es sind dort über 70.000 Menschen aller Opfergruppen gespeichert. Klickt man „suchen“ an, so erscheint eine Maske, in die man den Wohnort eingeben kann. Sucht man z. B. Opfer aus Wiener Neustadt, so werden 76 Namen angezeigt. Zu sehen sind die Basisdaten, wie Geburtstag, Deportations- und Tötungsort sowie die letzte Wohnadresse. Diese letzte Wohnadresse ist aber mit Vorsicht zu behandeln, da sie meist die Adresse einer Sammelwohnung ist.

Den genauen Wohnort in Wien kann man in der Onlineausgabe des „Lehmann 1938, Band 2“ (oder 1939) finden – www.digital.wienbibliothek.at. Benützt man beide Ausgaben, so kann man sehr genau die Veränderungen durch die „Arisierung“ der Wohnungen sehen. Bei einer Adressauskunft aus dem Stadt- und Landesarchiv ist zu beachten, dass diese Auskunft kostenpflichtig ist (€ 35/Anfrage), selbst wenn man kein Ergebnis bekommt.

Unbedingt sollte man sich den Feuerwehrplan vom Bezirk oder der Stadt ausheben lassen! Dies ist notwendig, da sich die baulichen Gegebenheiten und Adressen im Laufe der letzten 80 Jahre oft verändert haben und daher mittels Feuerwehrplan und aktuellem Stadtplan der genaue Standort ermittelt werden kann. In Wien ist dieser im Stadt- und Landesarchiv (Gasometer) erhältlich.

Handelt es ich bei den Opfern um rassistisch verfolgte Menschen, so ist die nächste Datenbank jene der Gedenkstätte von Yad Vashemwww.yadvashem.org/de.html. In der digitalen Sammlung finden sich Zusatzinformationen zu den Opfern, wie Daten, Bilder, Deportationslisten oder Dokumente. Allerdings kann es vorkommen, dass der Name des Opfers oft mehrmals in unterschiedlicher Schreibweise vorkommt. Viele der Daten in der Datenbank von Yad Vashem stammen aus der Datenbank des DÖW. Bei manchen Opfern gibt es ein Testimonial, welches von Verwandten oder Nachfahren in die Datenbank gestellt wurde. Es kann außerdem einen Kontakt mit den Nachfahren ermöglichen, wenn man sie zu Eröffnung eines Steines der Erinnerung einladen möchte.

Eine gute Quelle für Daten und letzte Wohnadressen der Opfer ist die Israelitische Kultusgemeinde. Im Mai 1938 sandte die Wiener Kultusgemeinde 140.000 Ausreisefragebögen an ihre Mitglieder aus, wo viele persönliche Daten, wie Ausbildung, Beruf, Tätigkeit, Einkommen, Auswanderungsland, Verwandte im Ausland und vieles mehr abgefragt wurden. Auch die Daten der anderen Kultusgemeinden befinden sich in Wien, da die Kultusgemeinden in den Bundesländern 1938 aufgelöst wurden und die Auswanderung von Wien aus organisiert wurde. Diese Fragebögen sind digitalisiert und können gegen einen Unkostenbeitrag erworben werden. Sie runden sehr oft das Bild der Persönlichkeiten ab und stellen daher eine wertvolle Quelle dar.

Eine wertvolle Informationsquelle stellt Arolsen Archives: Internationales Zentrum über NS Verfolgung dar – www.arolsen-archives.org. Die Sammlung mit Hinweisen zu rund 17,5 Millionen Menschen gehört zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Sie beinhaltet Dokumente zu den verschiedenen Opfergruppen des NS-Regimes und ist eine wichtige Wissensquelle für die heutige Gesellschaft. Man kann gegen einen Unkostenbeitrag eine Fülle an Dokumenten bekommen, insbesondere Dokumente aus Konzentrationslagern.

In der Regel reichen diese vier Recherchestufen, da sie leicht mittels Computer zu erledigen sind und keine persönliche Anwesenheit in einem Archiv erfordern. Natürlich gibt es noch Datenbanken zu „Arisierung“, zu Gerichtsakten, zu Theresienstadt, den Ghettos usw., aber bei diesen ist die Recherche aufwendiger.

Vor der Verlegung eines Steines ist die Genehmigung durch die örtliche Gemeinde einzuholen (in Wien MA 28). Die Verlegung erfolgt auf öffentlichem Grund und daher haben die Hausbesitzer/-bewohner keinen Anrainerstatus. Es macht natürlich Sinn, vor der Verlegung Kontakt mit dem Hauseigentümer und den Hausbewohnern aufzunehmen und für das Projekt zu interessieren, vielleicht sogar zu gewinnen.

Die Kosten für die Gravur, die Anfertigung des Steines (= Metallplatte) und die Verlegung bewegen sich in einem Rahmen von € 500 bis 650. Für die Finanzierung der Gedenksteine sind zunächst Spenden und Patenschaften zu nennen. Außerdem sind Einreichungen bei zwei Fonds möglich: „Zukunftsfonds der Republik Österreich“ www.zukunftsfonds-austria.at  und „Nationalfonds“ www.nationalfonds.org. Eine weitere Möglichkeit sind Unterstützungen durch das Kulturbudget einzelner Bezirke oder der Städte. In Wien ist es die MA 7, die hier zuständig ist, sowie die einzelnen Bezirksvertretungen.

Einem guten Gelingen dieser Gedenkarbeit steht nun nichts mehr im Wege. Sollten sie Fragen haben oder Hilfe benötigen, schreiben Sie an: steine-liesing@gmx.at.
Wir unterstützen gerne.